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27.06.2017

Selbstbetroffen, selbstwirksam und "ein Segen"

Fachtagung der DAG SHG diskutierte über Selbsthilfe im Gesundheitswesen

Mehr als 150 Selbsthilfeaktive und Fachkräfte der Selbsthilfeunterstützung aus ganz Deutschland diskutierten vom 21. bis 23. Juni 2017 in Konstanz über die Rolle der gemeinschaftlichen Selbsthilfe im Gesundheitswesen: zwischen Betroffenenkompetenz und Professionalisierung, zwischen Autonomie, Leistungsdruck und Qualitätsanforderungen. „Wo bleibt der Mensch?“ lautete das Motto der 39. Jahrestagung der Deutschen Arbeitsgemeinschaft Selbsthil-fegruppen e.V. (DAG SHG).

In seinem Eröffnungsvortrag ermutigte David Klemperer, Professor für Sozialmedizin und Public Health an der Technischen Hochschule Regensburg, die Akteure in der Selbsthilfe, sich stärker politisch einzumischen. Um mehr Patientenorientierung im Gesundheitssystem zu erreichen, sei eine kritische Gesundheitskompetenz notwendig, die auf soziale und politische Veränderungen ziele, betonte er. Als „Experten in eigener Sache“ könnten Selbsthilfeaktive „der Politik noch viel stärker Impulse geben“, auf eine bessere Kommunikation zwischen Ärzten und Patienten drängen und sich für partizipative Entscheidungsfindungen einsetzen.

Die Schirmherrschaft für die dreitägige Konferenz hatte der Baden-Württembergische Minister für Soziales und Integration, Manfred Lucha, übernommen. Stellvertretend für ihn begrüßte Ministeri-aldirektor Wolf-Dietrich Hammann die Tagungsteilnehmenden. Er wisse, welche Kraft in der Selbsthilfe stecke, sagte er. Wenn erst einmal die Hemmungen überwunden seien, in eine Selbsthilfegruppe zu gehen, sei der Erfolg „oft wirklich verblüffend“. „Selbsthilfegruppen sind ein Segen“, betonte auch der Landrat des Landkreises Konstanz, Frank Hämmerle, der die Tagungsteilnehmenden im Landratsamt willkommen hieß.

Die gesundheitliche Selbsthilfe hat sich in Deutschland zu einer wichtigen Säule im Gesundheits-wesen entwickelt. Sie wird anerkannt, gefördert und auch eingebunden in Fragen der gesundheitlichen Versorgung. Selbsthilfe steht für die Erhaltung und Verbesserung der Lebensqualität von Menschen mit chronischen Erkrankungen oder Behinderungen. In der medizinischen Versorgung bleibt jedoch immer weniger Zeit für das Miteinander, das Gespräch, das Zuhören und den Austausch über individuelle Anliegen. „Die Gesprächskultur in der Selbsthilfe ist daher eine wichtige Ergänzung für unser Gesundheitswesen“, so Jutta Hundertmark-Mayser, Organisatorin der Tagung, in einem Interview mit dem Südkurier.

In den Arbeitsgruppen diskutierten die Tagungsteilnehmenden über die Herausforderungen an die Selbsthilfe: über den Spagat zwischen Selbstbetroffenheit und Professionalisierung, über die Qualität der Arzt-Patient-Beziehung und über sprechende Medizin, über die Passung des Selbsthilfebegriffs zu den genannten Anforderungen ebenso wie über die Unabhängigkeit der Selbsthilfe, die allein dem Wohl der Betroffenen verpflichtet ist und deren Wirken nicht von den Interessen anderer überlagert wird. Dabei ging es immer wieder auch darum, welche Rolle die professionelle Selbsthilfeunterstützung in den über 300 örtlichen Selbsthilfekontaktstellen in diesem Prozess übernehmen können.

In ihrem Abschlussvortrag forderte die Geschäftsführerin der Nationalen Kontakt- und Informationsstelle zur Anregung und Unterstützung von Selbsthilfegruppen (NAKOS), Ursula Helms, einen „Schulterschluss“ der Selbsthilfe. Aktive aus Selbsthilfegruppen und -vereinigungen sowie die Fachkräfte aus der Selbsthilfeunterstützung müssten sich gemeinsam für ein selbsthilfefreundliches Klima und eine bessere medizinische Versorgung einsetzen: „Denn die Selbsthilfe ist Wegbereiterin für mehr Patientenorientierung im Gesundheitswesen.“

Quelle: DAG SHG