Jahrestagung 2009
AG 4: Selbsthilfegruppen im Bereich psychischer Erkrankungen
Input 1: Bündnis gegen Depression in der Region Hannover
Rita Hagemann, KIBIS Hannover
Input 2:
Saarländisches Bündnis gegen Depression
Petra Otto, KISS Saarland
Moderation: Monika Klumpe, BeKoS Oldenburg
„Die Sache wird teuer – deshalb wachen die Krankenkassen auf“
(Rita Hagemann)
Statistiken vermelden eine starke Zunahme psychischer Erkrankungen – laut AOK sind sie seit 1995 um 80 Prozent angestiegen. Ob tatsächlich immer mehr Menschen unter Panikattacken, Zwangsstörungen oder Depressionen leiden, oder diese Erkrankungen lediglich häufiger diagnostiziert werden, ist umstritten. Fest steht jedoch: Sie rücken mehr und mehr in den Fokus des gesellschaftlichen Interesses. Das spiegelt sich auch in der Arbeit der Selbsthilfekontaktstellen wider: Die Anzahl der Nachfragen und die Themenvielfalt im Bereich psychischer Erkrankungen steigen stetig.
In der AG 4 berichteten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer, dass die Unterstützung von Selbsthilfegruppen in diesem Bereich zeitaufwändig sei und gute Kenntnisse von Gruppenprozessen und Gruppendynamik erfordere. Ist die Förderung von Selbsthilfegruppen die einzige Möglichkeit, diesen Bereich zu stärken?
Als Beispiele für weitergehende beziehungsweise ergänzende Formen der Unterstützung wurden die beiden Bündnisse gegen Depression in der Region Hannover und im Saarland vorgestellt. Ihr Ziel: Die Vernetzung aller lokalen Akteure wie Hausärzte und Fachärzte, Psychotherapeuten, Kliniken, Beratungsstellen, Gesundheitsämter und die Selbsthilfe.
In der Region Hannover wurde das Bündnis gegen Depression Ende 2008 auf Initiative der Medizinischen Hochschule Hannover, der Kontaktstelle für Selbsthilfegruppen (KIBIS) und der Region Hannover gegründet. Während eines zweijährigen Aufklärungszeitraums soll dort das Wissen über die Erkrankung bei Betroffenen, Angehörigen und professionell Tätigen erweitert und eine Vernetzung der Angebote erreicht werden, um langfristig die Versorgung depressiv erkrankter Menschen zu verbessern.
Auch das Saarländisches Bündnis gegen Depression, eine Initiative der Kontaktstelle und der Landesvereinigung SELBSTHILFE in Kooperation mit dem saarländischen Gesundheitsministerium, will mit seinen öffentlichen Aktionen dazu beitragen, dass Betroffene und deren Angehörige früher Unterstützung und Hilfe aufsuchen und annehmen. Profis aus dem medizinischen und sozialen Bereich sollen weiterqualifiziert werden, damit zukünftig die Erkrankung besser erkannt und erfolgreich behandelt werden kann. Ebenso sind Schulungsangebote geplant für Selbsthilfegruppen, auch angrenzender Thematiken wie Angst, Sucht oder zu speziellen Problemfeldern wie Suizid, um die Kompetenz der Gruppen im Umgang mit der Erkrankung zu stärken.
Bei der Diskussion im Workshop wurde kritisch angemerkt, dass die Bündnisse, die es neben Niedersachsen und Saarland zum Beispiel auch in Nordrhein-Westfalen, Bayern und Sachsen gibt, sich auf das Thema Depressionen konzentrieren und andere psychische Erkrankungen nicht berücksichtigen. Auch das Interesse der Pharmaindustrie, von Ärzten, Therapeuten und Forschern an Bündnissen gegen Depression wurde hinterfragt. Zudem ging es um die Frage, welche weiteren Formen der Unterstützung angeboten werden können.
Vorgeschlagen wurden themenspezifische Gesamttreffen und Vortragsveranstaltungen, eine regelmäßige offene Beratung für Selbsthilfeinteressierte aus dem psychosozialen Bereich, eine Beschwerdestelle für Psychiatrieerfahrene (wie in Jena) und die Einladung von Selbsthilfeinteressierten zu Gesamttreffen, um dort Kontakt zu Selbsthilfegruppen zu bekommen (Gießener Modell).
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Letzte Änderung: 07.09.2010


