Jahrestagung 2009
AG 1 Generationswechsel und Generationenkonflikte in Selbsthilfegruppen
Input: Generationswechsel und Generationenkonflikte in Selbsthilfegruppen
Bernd Janota, Unterstützungsstelle der Gesundheitsselbsthilfe NRW, Witten
Moderation: Andreas Greiwe, Der Paritätische Wohlfahrtsverband NRW, Emsdetten
„Für jedes noch so komplexe Problem gibt es eine Lösung – und die ist falsch“
(Andreas Greiwe zitiert Umberto Eco)
Die Klagen vieler Selbsthilfegruppen ähneln sich: „Unsere Gruppe ist überaltert. Wir haben zu wenig neue und so gut wie keine jüngeren Mitglieder. Immer wenigere sind bereit, Verantwortung für die Gruppenarbeit zu übernehmen. Der anstehende Generationswechsel gefährdet die Existenz unserer Gruppe.“ – in der AG 1 trafen sich Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Kontaktstellen und Mitglieder von Selbsthilfegruppen, denen dieses Thema immer stärker auf den Nägeln brennt.
„Vielleicht bekomme ich hier einen Tipp, wie ich mich von der Arbeit zurückziehen kann“, sagte Anni Koch, die für ihre Gelnhausener Gruppe Frauenselbsthilfe nach Krebs e.V. eine Nachfolgerin sucht.
„Bei uns haben sich schon zwei Gruppen aufgelöst, weil niemand für den Vorstand kandidieren wollte“, berichtete Carmen Vogel (Gesundheitsamt Bremen – Selbsthilfe- und Gesundheitsförderung).
In seinem Input skizzierte Bernd Janota von der Unterstützungsstelle der Gesundheitsselbsthilfe Nordrhein-Westfalen drei typische Mitglieder von Selbsthilfegruppen: Den „Leithammel“, dem es schwer fällt, Aufgaben an andere zu delegieren, den „Mitläufer“, der froh ist, dass sich jemand anderes um alles kümmert und den „Jungspund“, der sich über die starren Strukturen in der Gruppe wundert.
In den anschließenden Gruppenarbeiten wurde deutlich, dass es „den“ Generationenwechsel als Problem per se gar nicht gibt. „Schwierigkeiten beim Generationswechsel sind vielmehr Ausdruck vielfältiger Probleme“, brachte es Moderator Andreas Greiwe auf den Punkt. Um einen Generationswechsel bewerkstelligen zu können, sei oftmals eine Rückbesinnung auf die gemeinsame Betroffenheit und die gegenseitige Unterstützung als zentrale Quelle der Kraft notwendig. Die Integration jüngerer Mitglieder und ein Wechsel in der Gruppenleitung kann am ehesten gelingen, wenn die Gruppe bereit ist, Selbstverständnis und Zielsetzungen zu reflektieren sowie ihre eigenen Strukturen kritisch zu hinterfragen und – wo erforderlich – zu verändern. Konkret ist etwa zu prüfen, wie die Gruppe überhaupt „Neue“ aufnimmt, wie sie diese anwirbt, begrüßt, begleitet, unterstützt. Ob die Gruppe bereit ist, die Ideen und Anregungen der Neuen auch zu schätzen oder mit Hinweis auf jahrelange Gewohnheiten zur Seite schiebt (und damit Interessenten „vor die Tür setzt“).
Eine Aufgabe der Selbsthilfekontaktstellen ist es, die Selbsthilfegruppen für das Thema Generationswechsel zu sensibilisieren. Dabei müssen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Kontaktstellen behutsam vorgehen, um nicht ihre eigene Vorstellungen den Gruppen überzustülpen. Es geht vielmehr darum, es den Gruppen zu erleichtern, ihre eigenen Vorstellungen von Selbsthilfegruppen und Selbsthilfegruppenarbeit und ihre gruppeneigenen Handlungsmöglichkeiten beim Prozess des Generationswechsels zu erkennen und diese gegebenenfalls mit Unterstützung der Kontaktstelle auszubauen.
Eine Botschaft der Selbsthilfekontaktstellen an die Selbsthilfegruppen, die bei der Bewältigung von anstehenden Generationswechseln Unterstützung und Begleitung wünschen, könnte dementsprechend heißen: Generationswechsel ist oft mehr als nur Nachfolge ermöglichen!
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Letzte Änderung: 07.09.2010


