Jahrestagung 2009
Medialisierung und Medikalisierung. Beratung, Kommunikation und Selbsthilfe im Internet
Katharina Liebsch (Professorin für Soziologie mit dem Schwerpunkt für Familien- und Jugendsoziologie an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main) setzte sich in ihrem Beitrag mit der Frage auseinander, welchen Einfluss die wachsende Bedeutung netzbasierter Kommunikation („Medialisierung“) auf die Arbeit von Selbsthilfegruppen hat. Weblogs, Foren, Wikis, Chats und andere Netcommunities seien vergleichsweise voraussetzungslose Gemeinschaften, in denen größere Anonymität und geringere Verbindlichkeit Möglichkeiten des Experimentierens und Probehandelns eröffne, sagte sie. Damit werde Kommunikation zwar erleichtert, zugleich entstünden aber auch ganz neue Kontrollen und Disziplinierungen, „etwa dass wir fünf Mal am Tag unsere E-Mails checken und die Einträge in manchen Blogs wichtiger finden, als das Gespräch zu Hause beim Abendbrot“.Als „Medikalisierung“ beschrieb Liebsch die Tendenz, immer mehr soziale Probleme und Schwierigkeiten in den Bereich von Krankheit und Gesundheit zu verschieben und das Medizinsystem zuständig zu erklären. So sorgten heute insbesondere die neueren Entwicklungen der Biotechnologie und Biomedizin dafür, dass „medizinische Wissensproduktion“ und ihre Anwendungen nicht nur die Funktionsweisen des Körperlichen selbst kontrollierten, sondern auch die Vorstellungen beeinflussen, die Menschen von ihrem Körper haben. Als Beispiele nannte sie unter anderem die technologisch-assisierte Zeugung und Fortpflanzung und die psychopharmakologische Behandlung von Kindern und Jugendlichen (Stichwort Ritalin). „Das verändert die Experten-Laien-Unterscheidung, macht Kranke und Betroffene informierter und gegebenenfalls handlungsfähiger, aber nicht automatisch effektiver und wirksamer“, sagte Liebsch.
Am Beispiel der Internetseiten www.9monate.de und www.hungrig-online.de veranschaulichte Liebsch im zweiten Teil ihres Referates Aspekte der Medialisierung und Medikalisierung von Themen aus den Bereichen Schwangerschaft, Kinderlosigkeit und Essverhalten. Während es bei 9monate.de, einem Angebot des kommerziellen Gesundheitsportals Qualimedic.com, nur eine sehr eingeschränkte Moderation der Foren gibt, beinhaltet das umfassende Beratungs- und Kommunikationsangebot der von einem gemeinnützigen Verein betriebenen Internetplattform hungrig-online auch virtuelle Selbsthilfegruppen, die von ehrenamtlichen Mitarbeitern moderiert werden. Unabhängig von ihrem unterschiedlichen Aufbau seien beide Angebote in Umfragen von ihren jeweiligen Nutzern sehr positiv beurteilt worden, betonte Liebsch.
Basierend auf Erfahrungen und Untersuchungen aus der Selbsthilfebewegung stellte Liebsch zum Abschluss vier Thesen zur Nutzung des Internets im Bereich der Selbsthilfe vor. Erstens diene das Internet Selbsthilfegruppen vor allem als Medium der Information, unterstütze ein professionelles Auftreten und ermögliche eine bessere Vermittlung von Selbsthilfegruppen an Interessierte. Mit Online-Selbsthilfe-Angeboten würden zweitens vor allem diejenigen erreicht, die klassischerweise nicht in eine Selbsthilfegruppe gingen, etwa die „Schüchternen“, die die Anonymität schätzten, oder auch „Wissbegierige“, die vor allem Informationen erhalten wollten. Allerdings sei drittens die Qualität und die Wirkung der Informationen im Netz unsicher und viele Informationen nicht immer gleichbedeutend mit viel Hilfe. Und viertens steige die Einflussnahme der Pharmaindustrie im Netz. Es sei teilweise schwer, zwischen „Information“ und Marketing zu unterscheiden. Selbsthilfegruppen erhielten finanzielle Angebote und gäben dafür Informationen preis, die bislang als „privat“ galten.
Abschließend rief Liebsch dazu auf, die Angebote im Internet kritisch zu hinterfragen und sich insbesondere immer vor Augen zu halten, wer welche Plattform aus welchem Grund anbietet. Zudem warnte sie davor, allzu leichtfertig mit personenbezogenen Daten im Internet umzugehen. Vielen Menschen, die sich in Onlinegruppen, Foren und Chats austauschten, sei nicht bewusst, dass ihre persönlichen Daten etwa für kommerzielle Zwecke missbraucht werden könnten.
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Letzte Änderung: 07.09.2010


